Der tiefe Zugang zum Menschen und Künstler Carlos Kleiber

Carlos Kleiber - ein ewiges Phänomen?

Text in Japanese

Es erstaunt mich, wenn in der Presse vom Phänomen Kleiber so gesprochen wird, als wäre es bislang noch nie ergründet worden. Auch lieb gewordene Legenden wie die vom grausamen Übervater Erich Kleiber werden dabei gerne und kaum reflektiert weitergetragen. Immer wieder wird auf die zentrale Bedeutung des unzugänglichen Familienarchivs verwiesen, das angeblich unverzichtbar sein soll, um diesen Ausnahmekünstler zu verstehen.

Ginge es darum, Carlos Kleibers Arbeitsweise und sein Musikverständnis anhand der von ihm eingerichteten Partituren wissenschaftlich zu analysieren, mag das stimmen. Nur würde dies weit über das Anliegen einer Biografie hinausführen. Allerdings ist zumindest seit der Veröffentlichung meines Buches im Wesentlichen bekannt, worauf Carlos Kleiber bei seinem Notenmaterial Wert legte. Um das Phänomen Kleiber zu entschlüsseln, bedurfte es weit mehr: es ging darum, in die Tiefen seines Wesens vorzudringen. Natürlich könnten auch hier unbekannte Archivmaterialien weitere wertvolle Erkenntnisse liefern. Doch die Vielzahl der mir zugänglichen Dokumente sowie die Kommunikationsfreude von Erich und Carlos Kleiber in persönlichen Briefen und Gesprächen erlaubten mir, einen tiefen Zugang zum Menschen und Künstler Kleiber zu finden.

 

Wer das Buch genau liest, wird alles zu diesem Thema finden. Kleiber war ja kein Mensch und Musiker von einem anderen Stern. Was ihn auszeichnete, war sein überragendes musikalisches Naturtalent. Das wollte sich entfalten und wurde gleichzeitig in jungen Jahren vom Vater Erich Kleiber in dem Willen geformt, Mittelmäßigkeit niemals zu dulden. Dass dies nur mit harter Arbeit zu erreichen ist, auch das lernte Carlos von seinem Vater.
Kleiber studierte und korrigierte die Partituren akribisch, frischte sie mit seinen Einzeichnungen und unkonventionellen Bogenstrichen auf. Er besaß ein geniales Gespür für Rhythmik und Präzision, für packende Tempi und poetische Tiefe.

Die Werke im Sinn ihrer Schöpfer erklingen zu lassen, das war Carlos Kleibers innerstes Bedürfnis. Dafür lebte, arbeitete und kämpfte er hartnäckig gegen die Routine des Opern- und Konzertalltags. Oft verzweifelte er fast darüber, dieses Ziel, dieses ihm vorschwebende Ideal, das ihn zum einzig wirklich schöpferischen Dirigenten seit Gustav Mahler machte, zu erreichen. Und es erklärt auch seine so oft missverstandenen oder als Eskapaden verschrienen Verhaltensweisen und seinen langsamen Rückzug.

Bei allem spielt natürlich Kleibers Wesen eine entscheidende Rolle. Er war ein hochintelligenter, empfindlicher, äußerst lebenslustiger, freidenkender, perfektionistischer und selbstkritischer Mensch, der auch von anderen alles abforderte. So tat er sich schwer mit verkrusteten Abläufen und nicht zuletzt, im fortschreitenden Alter, mit dem Leben überhaupt. Ohne sein sprühendes Temperament, seine oft schier unerschöpfliche Energie, seine Spontaneität, seine enorme persönliche Ausstrahlung, seine Fähigkeit, Musikern mit seiner sprachlichen und musikalischen Imagination ein neues Verständnis für Musik zu vermitteln und sie zu Höchstleistungen zu inspirieren, ohne seine imposante Erscheinung und seinen ästhetischen Dirigierstil, hätte er nicht diese außergewöhnliche Wirkung am Pult erzielt.

Das Tempo, das Kleiber vorlegte, und die Intensität seiner Deutungen resultierten aus dem Feuer, das in ihm loderte, und aus den Spannungen, die sich in den Aufführungen elektrisierend lösten. Schon in frühen Jahren zog er so die Hörer in seinen Bann.

Das Phänomen Kleiber ist facettenreich und ohne Rückschlüsse auf seine Jugend und seinen Vater kaum zu erfassen. Seine kompromisslose Arbeit mit und an den ihm heiligen Partituren, mit den Orchestern und Ensembles, sein zuweilen an Besessenheit grenzender Perfektionstrieb und sein Arbeitswille, sein Kampf gegen die Routine, seine schöpferische und inspirierende Kraft und sein Idealismus, sein Temperament und seine Persönlichkeit, sein begnadetes Talent und die Liebe und das Leben für die Musik all das macht seine unvergleichliche Wirkung und Größe als Musiker, sein Genie aus, mit dem er so oft gehörte Werke ganz neu erklingen ließ und Menschen in Ekstase versetzte.

Wie jedoch die Musik in Kleibers Kopf ideal geklungen hat, das mag ein wirkliches Phänomen sein und wird auf ewig sein Geheimnis bleiben.

Alexander Werner

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Self-Portrait

Carlos El Club

 Carlos Kleiber Selbstporträt

Ironisches Selbstportät des jugendlichen Carlos Kleiber als Carlos Buti in Argentinien. Buti war ein bekannter populärer Sänger.

download (Buti)

Carlos Kleiber war ein sehr lebensfreudiger junger Mann. Dass er teils schüchtern war, vielleicht gerade deswegen, weil er die Freiheit jenseits alter Konformismen liebte, mag dieses Bild ein wenig bestätigen. Sein Vater Erich Kleiber wiies ihn etwa immer wieder darauf hin, wie schädlich das Rauchen sei. Carlos jedenfalls wird wie jeder junge Mann gefühlt haben in diesen Jahren, nur eben ein ganz wenig anders ... Pie war der familiäre Kosename.

 

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