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Carlos Kleiber in Stuttgart 1968

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Carlos Kleiber Homepage - Alexander Werner

Auf den Spuren eines musikalischen Genies

mit Eindrücken von einer Reise nach Slowenien

Carlos Kleiber - Ongaku

 

Ein Beitrag von  ALEXANDER WERNER

für die Zeitschrift
Ongaku no Tomo Sha (Tokyo) Ausgabe 7/Juli 2010

im Vorfeld
der Buchveröffentlichung:
Alexander Werner: "Carlos Kleiber. Eine Biografie",
Japan Edition/Teil 2

 

Download des originalen Beitrags in Japanisch

 

Originaltext in Deutsch

 

Auf den Spuren eines musikalischen Genies


Ruhm und die Größe des legendären Carlos Kleiber strahlen über seinen Tod hinaus

Was mag in Carlos Kleiber vorgegangen sein, als er am 11. Juli 2004 sein Haus in Grünwald bei München verließ, sich ans Steuer seines Audi A8 setzte und zum letzten Mal nach Slowenien fuhr? Zog noch einmal sein bewegtes Leben im Geist an ihm vorüber, seine einzigartige und eigenartige Karriere, die ihn zum gefeierten, begehrtesten und vermeintlich schwierigsten Dirigenten des ausgehenden 20 Jahrhunderts machte?


Gewiss dachte der 74-Jährige an seine Familie, an seine Kinder und seine Frau Stanka, die ein halbes Jahr zuvor unerwartet verstorben war. Ein Schicksalsschlag, von dem er sich nicht er-holte. Zwei Tage später, am 13. Juli 2004, wurde der geniale Dirigent, dem Ruhm nie etwas bedeutete, tot in seinem Ferienhaus in Konjsica aufgefunden. Einmal mehr gab Kleiber, der andere selten an seinem Innersten teilhaben ließ, der Welt mit seinem völlig überraschenden Tod Rätsel auf.


Seit er 1961 die die Ballett-Tänzerin Stanislava Brezovar aus Zagorje geheiratet hatte, war ihm die idyllische Landschaft am Fluss Sava zur zweiten Heimat geworden. Bei Stankas Familie fühlte er sich geboren und unbehelligt.
All das ging mir durch den Sinn, als im August 2008 die letzte Etappe im Leben Carlos Kleibers auf mich einwirken ließ. Über viele Jahre hatte ich mich mit ihm beschäftigt, ja, mich geradezu in ihn hineingegraben. Kleibers Nichte Brigita Drnovek geleitete mich von Ljubljana nach Konjica. Wenige kannten Carlos so gut wie die prominente Ärztin. Seit ihrer Kindheit hatte sie viel Zeit mit ihm verbracht. Auf dem malerischen Weg durch bewaldete Hügel erzählte sie mir viel über Carlos, den zeitlebens keiner so richtig verstand. Über seine Jugend habe er gesprochen, über die ungeliebten strengen Internate, beklagt, wie unglücklich er dort gewesen sei und wie wenig Zeit er mit seinen Eltern verbringen durfte. Aber auch, wie witzig er sein konnte, berichtetet sie, wie charmant und lebensfroh, wie bescheiden und unkompliziert und mit welche Freude sie mit diesem hoch intelligenten Mann parlierte.


Nach einer Stunde bogen wir ab, bergauf eine schmale Straße, hin zu einem winzigen Dorf: Konjsica, herausgeputzt, schmuck, aber das noch nicht sehr lange. Berühmt ist Konjsica geworden seit Kleibers Tod, fast ein Denkmal für den Dirigenten, kein Wallfahrtsort für Tausende, aber einer, zu dem seitdem regelmäßig Bewunderer pilgern. Die Einheimischen sind stolz, dass dieser bedeutende Mann einer der ihren wurde und freuen sich über die Besucher. Die kommen sogar aus dem fernen Japan. Manchmal bereitet die Sprache etwas Probleme, doch Kleiber auf den Lippen und ein paar Handzeichen führen schnell zu dem beschaulichen Friedhof neben der Kirche. Ein schlichtes Grab, ein Stein aus weißem Marmor, oben in Gold der Name Stankas, darunter Carlos, davor frische Blumen.


Bewegt verharrte ich vor der letzten Ruhestätte dieses Mannes. Ein Moment der Besinnung, jedoch keiner der Trauer. Ich spürte Dankbarkeit für diesen Menschen, der nicht nur mir so viel gegeben hatte. Seine Musik erklang in meinem Kopf und unwillkürlich fielen mir die erhebenden Worte von Carlos` japanischem Freund Tadatsugu Sasaki ein: Ich glaube, dass Kunst und Kultur wie Wasser und Luft sind, aber bei Carlos Kleibers Musik fühle ich, wenn man von ihr berührt wird, freut man sich, am Leben zu sein.


Im Kleiber-Gedenkhäuschen neben der Kirche betrachteten wir Filmausschnitte von seinen umjubelten Auftritten. Die bedeutendsten Orchester und an den großen Häusern der Welt, in Wien, Mailand, New York, London und auch mehrfach in Japan hatte er dirigiert. Viel mehr drang über Kleiber, der sich hartnäckig der Öffentlichkeit verweigerte, kaum jemals nach Außen. Viele biographische Versuche scheiterten daran.
Künstlerisch wie menschlich galt Kleiber als unergründliches Phänomen. Umso mehr wurden Gerüchte ausgeschlachtet, wurde über sein angeblich unberechenbares, exzentrisches Wesen spekuliert und stets über sein Verhältnis zu seinem Vater Erich Kleiber.


Dennoch war ich davon überzeugt, Licht in das Dunkel bringen zu können, als ich mich ent-schloss, eine große Biografie über Kleiber zu wagen. Auch, dass er mich seit vielen Jahren selbst faszinierte, gab mir die Kraft und Ausdauer dazu. In jüngeren Jahren hatte ich mich intensiv mit Dirigenten befasst, war begeistert von Erich Kleiber und spontan gefesselt, als ich die ersten Platten seines Sohnes Carlos in die Hände bekam. Da Kleiber sich immer mehr zurückzog und Plattenstudios mied, suchte ich weltweit nach Konzertmitschnitten. Diese Recherche ging Ende der 90er-Jahre fast wie von selbst über in diejenige für mein Buch.


Bei all den Mühen war ich glücklich, so unglaublich viel über ihn in Erfahrung zu bringen und in sein Denken und Fühlen vorzudringen, über zahllose Interviews mit Freunden, Verwandten und Weggefährten, das Studium von Hunderten von Briefen, Archivmaterialien und anderen Dokumenten.


Was Kleiber als Künstler auszeichnete, war sein überragendes Naturtalent. Das wollte sich entfalten und wurde früh vom Vater Erich Kleiber in dem Willen geformt, Mittelmäßigkeit niemals zu dulden. Dafür bedurfte es Idealismus und harter Arbeit. Ohne Rückschlüsse auf seine Jugend und seinen Vater, den er sehr verehrte, ist Carlos kaum zu fassen. Deswegen lag mir viel daran, endlich das sagenumwobene Verhältnis der beiden zu entschlüsseln. Dank fundierter Quellen gelang es mir, die Geschichten vom grausamen Übervater, der seinen Sohn mit aller Gewalt vom Dirigentenberuf fernhalten wollte, ins Reich der Legenden zu verwei-sen. Unbestreitbar aber wandelte Carlos auf den Spuren seines geliebten Vaters und erkor ihn bei allem Bewusstsein für die eigene Größe zum Vorbild.
Carlos studierte und korrigierte Partituren akribisch und frischte sie mit seinen Einzeichnungen auf. Er besaß ein geniales Gespür für Rhythmik und Präzision, für packende Tempi und poetische Tiefe. Die Werke im Sinn ihrer Schöpfer erklingen zu lassen, das war Kleibers in-nerstes Bedürfnis. Dafür lebte, arbeitete und kämpfte er hartnäckig gegen die Routine des Opern- und Konzertalltags, die ihn letztlich zermürbte. Oft verzweifelte er fast darüber, dieses ihm vorschwebende Ideal, das ihn zum einzig wirklich schöpferischen Dirigenten seit Gustav Mahler machte, zu erreichen. Es erklärt auch seine so oft missverstandenen oder als Eskapaden verschrienen Verhaltensweisen und seinen langsamen Rückzug.


Kleiber war äußerst intelligent, empfindlich, lebenslustig, freidenkend, perfektionistisch und selbstkritisch, einer, der auch von anderen alles abforderte. So tat er sich schwer mit verkrusteten Abläufen und nicht zuletzt, im fortschreitenden Alter, mit dem Leben überhaupt. Ohne sein sprühendes Temperament, seine oft schier unerschöpfliche Energie, seine Spontaneität, seine enorme persönliche Ausstrahlung, seine Fähigkeit, Musiker zu Höchstleistungen zu in-spirieren, ohne seine imposante Erscheinung und seinen ästhetischen Dirigierstil, hätte er nicht diese außergewöhnliche Wirkung am Pult erzielt.


Das Tempo, das Kleiber vorlegte und seine Intensität resultierten aus dem Feuer, das in ihm loderte, und aus den Spannungen, die sich in den Aufführungen elektrisierend lösten. Ein genialer Musiker, der oft gehörte Werke ganz neu erklingen ließ und Menschen in Ekstase versetzte. Wie jedoch die Musik in Kleibers Kopf ideal geklungen hat, das mag ein wirkliches Phänomen sein und wird auf ewig sein Geheimnis bleiben.


Als ich mich damals 2008 von Kleibers Nichte Brigita verabschiedete, bestätigte sie mich nachdrücklich in meinem Empfinden, Carlos Kleiber in meinem Buch sehr nahe gekommen zu sein. So freute ich mich auch sehr, als sie mich kürzlich bat, für das Gedenkkonzert zu Carlos Kleibers 80. Geburtstag mit den Wiener Philharmonikern und Riccardo Muti einen begleitenden Text für das Programmheft zu schreiben. Dieses Konzert Ende Juni in Ljubljana steht gewiss beispielhaft dafür, dass Carlos Kleiber kaum jemals in Vergessenheit geraten wird, sondern weiterlebt.

Alexander Werner,
Autor von Carlos Kleiber. Eine Biografie.

 

 

Der Lebenslauf folgt dem Buch: "Carlos Kleiber. Eine Biografie", Schott 12/2007

von Alexander Werner, Mai 2008



English Translation by Tommy Vichev


Lebenslauf English 1 öffnen


Lebenslauf English 2 öffnen



Carlos Kleiber (1930 bis 2004)



Carlos Keiber als Kind


3. Juli 1930     
Carlos Kleiber wird in Berlin geboren als zweites Kind des damaligen Generalmusikdirektors der Staatsoper unter den Linden und der Amerikanerin Ruth Goodrich. Taufe auf den Namen Karl Ludwig Bonifatius. Carlos verbringt seine frühe Kindheit in Berlin.


Frühjahr 1935     
Der österreichische Staatsbürger Erich Kleiber verlässt aus Protest gegen das Nazi-Regime Deutschland und zieht mit seiner Familie an den Mondsee bei Salzburg.

 

Carlos Kleiber mit Igor Kipnis um 1936



1936 bis 1940     
Erich Kleibers Hoffnungen auf ein festes Engagement in Österreich zerschlagen sich. Zunehmend internationale Gastspiele. Für seine Familie beginnt eine ruhelose Wanderschaft mit Stationen in Lugano, in Roquebrune-Cap-Martin bei Monte-Carlo und Genf, nebst Reisen in die USA und in die Sowjetunion. Erich Kleiber holt seine Frau Ruth mit den Kindern Anfang 1940 nach Buenos Aires in Argentinien. Bei Carlos, dessen schulische Ausbildung unter den Ortswechseln litt, zeigt sich früh musikalische Begabung. Erich Kleiber beantragt für sich und seine Familie die argentinische Staatsbürgerschaft.

 

Erich Kleiber mit Frau Ruth



1940     
Nach einer kurzen Interimszeit treffen Ruth und die Kinder im Mai 1940 in Chile ein, wo Carlos fortan das Internat Grange School in Santiago de Chile besucht. Beide Kinder vermissen schmerzlich ein normales Familienleben. Nur die Ferien verbringen sie mit den Eltern in Valparaíso bei Santiago. Später treffen sich die Geschwister ab und zu in Alta Gracia in der argentinischen Provinz Córdoba, wo Erich Kleiber die Farm La Fermata kaufte. Die Geschwister gehen mehrere Jahre mit Unterbrechungen in Chile zur Schule.

 

Carlos Keiber 1940 in Buenos Aires


1945/1946     
Erich Kleiber förderte früh die künstlerischen Interessen seiner Kinder, die bereits in Berlin Aufführungen des Vaters und seiner Kollegen miterleben. Carlos lernt Klavier und Pauke.     


1946     
Carlos besucht seinen Vater in Buenos Aires und verfolgt begeistert dessen Aufführungen im Teatro Colón. Im Herbst 1946 siedelt Ruth mit den Kindern um nach Havanna in Kuba, wo Erich Kleiber engagiert ist. Carlos lernt Ernest Hemingway kennen und beginnt ihm schriftstellerisch nachzueifern     


1947/48     
Während der Vater beim NBC-Orchester gastiert, besucht Carlos in New York die Riverdale Country School. Wiederum verfolgt Carlos in den Ferien enthusiastisch die Vorstellungen seines Vaters am Teatro Colón in Buenos Aires. Er lernt bedeutende Künstler kennen und hat seinen ersten Opern-Einsatz: In Wagners Siegfried schwingt er den Hammer. In New York hört er unter anderem Arturo Toscanini. In ihm reift der Wunsch, dem geliebten und verehrten Vater zu folgen und selbst Dirigent zu werden. Seine außergewöhnliche literarische Begabung erscheint als eine mögliche berufliche Alternative.     


1948/49     
Nach bestandenem Abitur reist Carlos nach Buenos Aires ab. Sein Vater besteht angesichts der unsicheren Lage nach dem Krieg darauf, dass sein Sohn einen sicheren Beruf erlernt. Carlos begibt sich nach Zürich, um sich dort auf sein im Oktober beginnendes Chemiestudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule vorzubereiten.     


1950     
Bereits nach einem Semester gibt Erich Kleiber nach und erlaubt Carlos, sein Chemie-Studium abzubrechen. Der Vater verpflichtet in Buenos Aires die besten Musikpädagogen, die Carlos in Musiktheorie und Klavier unterrichten.     


1951     
Erst nach ernsten Ermahnungen widmet sich der durchaus lebensfrohe, praxisorientierte und wenig vom Klavier begeisterte junge Mann intensiver und mit zunehmenden Fortschritten seinem Studium.     


1952     
Erstes Engagement als Korrepetitor am Theater in La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires.     


1953     
Carlos folgt seinem Vater nach Europa. Erich Kleiber feiert 1952/53 Triumphe bei den Münchner Opernfestspielen. Sein Sohn tritt eine Stelle als Korrepetitor am Münchner Gärtnerplatz an.

 

Carlos Kleiber in Buenos Aires 1953

 

 


1954     
Als eine erhoffte Anstellungen ausbleiben, begleitet Carlos seinen Vater nach Ost-Berlin. Erich Kleiber hatte zugesagt, die wiederaufgebaute Berliner Staatsoper 1955 als neuer Generalmusikdirektor zu eröffnen. Auf Initiative des Kulturministeriums der DDR erhält Carlos vom Potsdamer Hans-Otto-Theater ein Angebot für eine Kapellmeisterstelle.     


1955     
Carlos Kleiber studiert sein erstes Bühnenstück ein, Carl Millöckers Operette Gasparone. Die erfolgreiche Premiere am 12. Februar 1955 leitet Carlos noch als Gast unter dem Pseudonym Karl Keller. Sie bedeutet für ihn sein Debüt als Kapellmeister. Zuvor hatte er lediglich versuchsweise in Buenos Aires mit dem väterlichen Orchester gearbeitet und in Montevideo ein kleines Rundfunkorchester dirigiert. Erich Kleiber ist stolz auf die Leistung seines Sohnes. Aus politischen Gründen verkündet Erich Kleiber im März 1955 überraschend seinen Rückzug aus Ost-Berlin und verlässt die Stadt mit seinem Sohn und seiner Frau. Für Carlos ist damit vorerst die Chance dahin, regelmäßig zu dirigieren     


1956     
Am 27. Januar 1956 stirbt Erich Kleiber mit 66 Jahren überraschend im Hotel Dolder in Zürich. Zuvor hatte er seinem Sohn noch eine Anstellung als Korrepetitor an der Wiener Volksoper vermittelt. Tief betroffen nimmt Carlos beim Begräbnis auf dem Züricher Hönggerberg Abschied von seinem Vater und kehrt zurück nach Wien.

 

Erich Kleibers Grab in Zürich

 

1957     
Als versprochene Dirigate an der Volksoper ausbleiben, kündigt Carlos Kleiber enttäuscht seinen bis August 1957 währenden Vertrag vorzeitig. In dieser Zeit soll er kaum beachtet einige Repertoireaufführungen und Gastkonzerte in Salzburg, Hamburg und Nürnberg dirigiert haben. Im Herbst tritt er an der Deutschen Oper am Rhein eine Stelle als Korrepetitor an.     


1959     
Als Carlos Kleiber vergeblich auf sein erstes Dirigat an der Deutschen Oper am Rhein wartet, erwägt er einen Wechsel und geht mit Gastspielen in die Offensive. Vermittelt durch seine Mutter erfolgt im Februar Carlos Kleibers offizielles Operndebüt mit Smetanas Die verkaufte Braut als Gast am Salzburger Landestheater. Ende November folgt dort eine Übernahme von Puccinis La Bohème. Erst jetzt nennt er sich öffentlich Carlos.     


1960     
Im Februar dirigiert Carlos La Bohème an der Hamburgischen Staatsoper und im Mai mit Verdis La Traviata endlich seine erste Oper in Düsseldorf. Weitere Aufführungen, im Dezember auch erstmals in Duisburg, folgen. Nach einer Rundfunkaufnahme von Telemanns Tafelmusik beim NDR in Hamburg Anfang Dezember leitet Carlos sein erstes verbürgtes Orchesterkonzert mit Werken von Telemann, C. P. E. Bach, de Falla und Martinu in der Reihe Podium der Jungen mit dem Hamburger Rundfunkorchester. In der Pause gibt Kleiber sein möglicherweise einziges überliefertes Interview.     


1961     
Carlos Kleiber dirigiert fortan, ab der Spielzeit 1961/62 als Kapellmeister, ein reiches Repertoire im Bereich Oper, Operette und Ballett, darunter Verdis Rigoletto, Leoncavallos Edipo Re, Lortzings Waffenschmied, Henzes Undine, Puccinis La Bohème und Madame Butterfly, Humperdincks Hänsel und Gretel, Egks Revisor. Im Oktober heiratet Carlos in Düsseldorf die 1937 in Zagorje bei Ljubljana geborene, slowenische Tänzerin Stanislava Brezovar.

 

Carlos Kleiber 1961

 


1962     
Mit 61 Aufführungen leitet Carlos mit großem Erfolg bereits doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Im Februar leitet er zum einzigen Mal ins einer Karriere Daphne von Richard Strauss. Es folgen Delibes` Ballett Coppélia, Lehárs Lustige Witwe und als seine ersten Neueinstudierungen am Rhein die Produktion 3x Offenbach, drei zum Tryptichon zusammengefasste Einakter von Jacques Offenbach, und Hoffmanns Erzählungen.     


1963     
Carlos Kleiber dirigiert Verdis Otello, Egks Abraxas, Ravel, I due Foscari und seine dritte Neueinstudierung: Offenbachs Die schöne Helena.

 

Carlos Kleiber 1963



1964     
Erste Übernahme von Strauss` Der Rosenkavalier. Kleiber hält Ausschau nach einer besseren Position. Er überwirft sich nach einem Traviata-Gastspiel in Wuppertal mit dem dortigen Intendanten Grischa Barfuss, der Hermann Juch in Düsseldorf als Intendant ablöst und Kleiber kündigt. Einen Vertrag in Köln hatte Kleiber bereits zuvor wieder gelöst. Er geht ab der Spielzeit 1964/65 nun vorerst mit Juch an die Züricher Oper. Ein Gastdirigat auf Anstellung an der Württembergischen Staatsoper im März scheitert wegen defizitärer Probebedingungen. Im Herbst Dirigat an der Frankfurter Oper. Erste Dirigate zur Saisoneröffnung in Zürich im September, dann Premiere von Johann Strauß Wiener Blut und Pjotr Tschaikowskys Ballett Dornröschen. Einzige Übernahme von Carl Maria Webers Oberon.     


1965     
Umjubeltes Gastspiel in Stuttgart mit Rosenkavalier. Kleiber unterschreibt einen Vertrag als Erster Kapellmeister an der Württembergischen Staatsoper und dirigiert Falstaff in Zürich. Premiere von Smetanas Die verkaufte Braut. Geburt seines Sohnes. Kleiber besucht in Salzburg Elektra-Proben des von ihm verehrten Kollegen Herbert von Karajan. Er verärgert Juch mit der Absage der Premiere von Carl Zellers Operette Der Vogelhändler. Schwierige Verhandlungen mit Stuttgart wegen einer Gast-Premiere im Frühjahr 1966. Gastspiel in Genf: Kleiber dirigiert zum Jahreswechsel mehrere Vorstellungen der Fledermaus am Grand Théâtre in Genf.

 

Carlos Kleiber 1965 Zürich

 

1966     
Gastspiel in Stuttgart mit Puccinis Madame Butterfly und Einstudierung von Alban Bergs Wozzeck in der Regie von Günter Rennert als Vorbereitung eines Gastspiel der Württembergischen Staatsoper beim Edinburgh Festival. Dirigate von Verdis Don Carlos in Zürich. Schwerer Autounfall auf dem Weg nach Zürich. Kleiber dirigiert in Stuttgart noch als Gast gesundheitlich angeschlagen die enthusiastisch gefeierte Premiere des Wozzeck. Eklat in Edinburgh: Kleiber sagt die zweite Aufführung bei den Festspielen wegen Krankheit ab und löst damit eine Krise im Stuttgarter Opernhaus aus. Umzug nach Stuttgart. Nach mehreren Monaten Pause dirigiert Kleiber erst im Dezember wieder in Stuttgart.     


1967     
Aufsehen erregende und für Kleiber triumphale Premiere von Webers Freischütz in der Regie von Walter Felsenstein. Kleiber lehnt ein Angebot für die Bayreuther Festspiele 1968 ab. Beständige Diskrepanzen in Stuttgart bezüglich Arbeitsbedingungen und Repertoire. Kleiber dirigiert Verdis Rigoletto, Madame Butterfly, Rosenkavalier und La Traviata. Orchestergastspiele bei den Münchner Philharmonikern mit Haydn, Liszt und Schumann sowie bei den Wiener Festwochen mit den Wiener Symphonikern mit Mozart und Mahler. Überraschend stirbt Ruth Kleiber. Salburg bleibt zeitlebens Kleibers zweiter Wohnsitz.     


1968     
Neuer Vertrag in Stuttgart. Gastspiel beim Musikfestival Prager Frühling mit Werken von Schumann, Beethoven und Dvorák. Schwierige Neueinstudierung von Georges Bizets` Carmen in Stuttgart. Debüt an der Bayerischen Staatsoper mit Rosenkavalier. Otello und La Traviata folgen. Die triumphalen Erfolgen nähren Gerüchte um einen Wechsel Kleibers nach München und Verhandlungen bezüglich des Postens des Generalmusikdirektors in Stuttgart. Kleibers dirigiert in München zum letzten Mal in seiner Karriere Madame Butterfly.

 

Carlos Kleiber in Prag 1968

 


1969     
Musikalische Neueinstudierung von Richard Wagners Tristan und Isolde in Stuttgart mit Wolfgang Windgassen und Ingrid Bjoner. Erste Rundfunkaufnahmen beim Süddeutschen Rundfunk. Carlos Kleiber gilt nun als begabtester Dirigent seiner Generation.     


1970     
Gastspiel im Deutschen Museum München mit dem Bayerischen Staatsorchester und dem Pianisten Alfred Brendel mit einem Beethoven-Programm. Kleiber probt und dirigiert für die SDR-Fernsehreihe Bei der Arbeit beobachtet Ouvertüren von Strauß und Weber. Sensationelle Premiere von Bergs Wozzeck in der Regie von Rennert im Münchner Nationaltheater.

 

Carlos Kleiber Stuttgart Probe

 

 


1971     
Stuttgart: Turbulente Neuinszenierung von Strauss`Elektra. Wiederaufnahme der Carmen unter Kleiber scheitert an Besetzungsfragen. Er reagiert nicht auf lukrative Angebote, etwa aus den USA. Kleiber wird Vater einer Tochter.

 

Carlos Keiber 1968 Carmen

 


1972     
Produktionen für den Süddeutschen Rundfunk mit Werken von Wagner und Alexander Borodin. Nach heftigen Differenzen verweigert Kleiber die Stuttgarter Wiederaufnahme von Tristan. Zu Ende der Ära des Intendanten Walter Erich Schäfer, der Stuttgart nach der Spielzeit 1971/72 verlässt, beginnt auch Kleibers langsamer Abschied von der Staatsoper mit immer weniger Dirigaten. Gefeierte Premiere der Neuinszenierung von Rosenkavalier in der Regie von Otto Schenk in München. Beginn der engen Freundschaft von Kleiber und Schenk. Glänzendes Gastspiel beim WDR in Köln mit Orchesterwerken von Haydn, Berg und Beethoven, konzertante Auszüge aus Tristan in Bern. Gastkonzert in Hamburg mit dem Philharmonischen Orchester.

 

Carlos Keiber 1972 Köln

 


1973     
Kleiber konzertiert in Hamburg mit Arturo Benedetti Michelangeli. Erste musikalisch wegweisende Schallplatteneinspielung in Dresden: Webers Freischütz. Debüt an der Wiener Staatsoper mit Tristan und Isolde. Umzug nach Grünwald bei München.

 

Carlos Keiber 1973 in Dresden

 

1974     
Kleiber sagt die Neuinszenierung Falstaff an der Hamburgischen Staatsoper ab, dirigiert aber Konzerte in der Stadt. Gastspiel in Zürich beim Tonhalle-Orchester. Debüt in Covent Garden mit Rosenkavalier, mit Tristan und Isolde in Bayreuth und bei den Wiener Philharmonikern mit Konzerten in Bratislava und Göteborg. Das Konzert in Bratislava wird vom Fernsehen in der ganzen CSSR übertragen. Verhandlungen mit und späterer Vertrag bei der TV-Produktionsfirma Unitel. Kleiber spielt Beethovens Fünfte mit den Philharmonikern ein. Die Aufnahme wird als Meilenstein gefeiert. Japan-Tournee mit der Bayerischen Staatsoper. Zu Silvester Premiere der Fledermaus in der Regie von Otto Schenk. Kleiber gilt als neuer Stern am Dirigentenhimmel. Berge von lukrativen Angeboten aus der ganzen Welt lassen ihn weitgehend kalt. Seine Fangemeinde wächst. Beginn einer kultartigen Verehrung des Maestros. Gleichzeitig beschränkt sich Kleiber, der jede feste Anstellung ablehnt, auf ein zunehmend kleiner werdendes Repertoire.     


1975     
Die Schallplattenaufnahme von Beethovens 5. Klavierkonzert scheitert während der Proben mit dem Berliner Rias-Orchester an Differenzen zwischen Kleiber und Michelangeli. Beginn der Aufnahmen für Beethovens 7. Symphonie mit den Wiener Philharmonikern. Einspielung der Fledermaus mit dem Bayerischen Staatsorchester für Deutsche Grammophon. Kleiber dirigiert die von Querelen begleitete Neuinszenierung von La Traviata in der Regie von Otto Schenk. Rückkehr für Tristan und Isolde nach Bayreuth. Gerüchte von einem Engagement Kleibers in Salzburg. Bislang hatte sich Kleiber vehement geweigert, bei den Festspielen zu dirigieren. Tatsächlich hatte sich Karl Böhm dafür eingesetzt, Kleiber den für 1978 angesetzten Rosenkavalier an seiner Stelle zu übertragen. Die Verhandlungen mit Kleiber aber scheitern.     


1976     
Grandioses Debüt an der Mailänder Scala mit Rosenkavalier und Otello in der Regie von Franco Zeffirelli mit Plácido Domingo. Beginn einer engen Freundschaft zwischen Kleiber und dem Sänger sowie mit Claudio Abbado und Mauricio Pollini. Schallplattenaufnahmen für La Traviata mit Domingo und Ileana Cotrubas in München. Als ein gemeinsamer Auftritt von Kleiber und Swjatoslaw Richter wegen einer Erkrankung des Pianisten in München scheitert, spielen die beiden für EMI Pjotr Tschaikowskys Klavierkonzert mit dem Bayerischen Staatsorchester ein. Eine geplante EMI-Einspielung von Wagners Ring des Nibelungen beim Bayerischen Rundfunk bleibt in der Vorbereitung stecken. Kleiber verlässt die Bayreuther Festspiele nach dem Skandal um die Ring-Produktion von Patrice Chereau und Pierre Boulez sowie dem Bruch Wolfgang Wagners mit seiner Tochter Eva. Kleiber kehrt nie wieder nach Bayreuth zurück.     


1977     
Elektra in Covent Garden mit Birgit Nilsson. Kleiber dirigiert regelmäßig in München. Verhandlungen über Premieren aber gestalten sich schwierig. Weder eine geplante Produktion von Hoffmanns Erzählungen mit Ingmar Bergmann, noch Freischütz, Don Carlos, Tristan und Isolde oder Wozzeck mit Kleiber kommen in der Folge zustande. Im Oktober dirigiert er die umstrittene Neuinszenierung des Otello mit John Neumeier. Kleiber sagt Otello an der Oper in San Francisco ab.     


1978     
Kleiber springt in München in La Bohème ein. Dabei erste Zusammenarbeit mit Luciano Pavarotti und Mirella Freni. Schallplattenaufnahme von Franz Schuberts 3. und 8. Symphonie mit den Wiener Philharmonikern für die Deutsche Grammophon. Neuinszenierung von Tristan und Isolde mit Wolfgang Wagner an der Mailänder Scala. Kleiber erhält den Kulturpreis der Stadt München. Kleibers kurzfristige Absage des Otello bei den Münchner Opernfestspielen sorgt für Aufregung. Die Reaktionen der Presse bewegen Kleiber, Otello in München nie wieder zu dirigieren. Debüt beim Chicago Symphony Orchestra. Sensationelle Produktion mit weltweiter Fernsehausstrahlung von Bizets Carmen in der Regie von Zeffirelli mit Domingo. Kleiber entzieht sich nach wie vor konsequent der Presse und der Öffentlichkeit.

 

Carlos Keiber 1978 in München

 


1979     
Kleiber springt für Karl Böhm beim Orchestra Dell` Accademia di Santa Cecilia in Rom ein. Wegen einer Erkrankung des Pianisten Mauricio Pollini entfällt Kleibers Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Konzerte in Wien. Neueinstudierung von Puccinis La Bohème in Mailand mit Staraufgebot und Fernsehübertragung. Die anschließend beginnende Schallplatteneinspielung bricht Kleiber aus Ärger über organisatorische Mängel ab. TV-Produktion des Rosenkavalier in München. Bohème in Covent Garden.     


1980     
Herausragende Produktion von Otello in London anstelle einer ursprünglich vorgesehenen La Traviata. Kleibers sagt sein Dirigat in einer geplanten Neuinszenierung von Hoffmanns Erzählungen mit John Schlesinger in London ab. In Dresden beginnen die schwierigen Aufnahmesitzungen zu Tristan und Isolde. Kleiber dirigiert die Wiener Philharmoniker anlässlich des 100. Geburtstags der Österreichischen Länderbank.

 

Carlos Keiber 1980 in Wien

 


1981     
Japan-Tournee mit der Mailänder Scala. Kleiber, noch argentinischer Staatsbürger, wird nach Problemen mit seinem Pass Österreicher. Eklat in Dresden: Kleiber verlässt nach einem Streit mit René Kollo die laufende Produktion von Tristan und Isolde kurz vor dem Abschluss. Die Aufnahme wird ohne Kleiber im Studio synchronisiert, was zu heftigem Streit führt. Nach den Auseinandersetzungen gibt Kleiber die Aufnahme unter Druck erst 1982 frei. Veröffentlichung der maßstäblichen Aufnahme der 4. Symphonie von Johannes Brahms mit den Wiener Philharmonikern. Sein ungerechtfertigter Ruf als der große Unberechenbare, der Schwierige und willkürliche Absager verfestigt sich. Weitere für EMI geplante, bereits angekündigte Studioaufnahmen kommen nicht zustande. Kleiber verkündet nach dem Tristan-Eklat, nie wieder ein Plattenstudio zu betreten. Damit endet Kleibers kurze Studio-Schallplattenproduktion. Pläne für die Einspielung von zwei Mozart-Symphonien werden damit hinfällig. Umjubelte Tournee mit den Wiener Philharmonikern in Mexico. Kleiber dirigiert in München an Fasching verkleidet als Johann Strauß, und in Mailand erstmals das London Symphoniy Orchestra. Nach der zweiten Vorstellung in London kommt es zum Eklat. Nach feindseligen Presseberichten will Kleiber das Orchester nie wieder dirigieren. Als Karl Böhm in Salzburg stirbt, dirigiert Kleiber bei der Trauerfeier in München. Gastspiel beim Slowenischen Rundfunksinfonieorchester in Ljubljana. Seit vielen Jahren verbringt Kleiber mit seiner Familie immer wieder seinen Urlaub in der Heimat seiner Frau.

 

Carlos Kleiber Dresden 1981


1982     
Kleiber dirigiert in München das Gedenkkonzert für Karl Böhm und gibt den Mitschnitt von Beethovens 4. Symphonie später für eine Plattenproduktion bei Orfeo frei. Otello-Aufführungen in Mailand. Beginn des langsamen Rückzugs von der Bayerischen Staatsoper. Trotz vielfältigenrAngebote gelingt es nicht, Kleiber zu einer Neuproduktion zu überreden. Nach zuvor halbherzigen Bemühungen der Verantwortlichen der Berliner Philharmoniker sagt Kleiber nun für eine Konzertreihe mit Fernseh- und einer Live-Schallplattenproduktion von Antonin Dvoráks 9. Symphonie zu. Als er feststellt, dass das Notenmaterial nicht nach seinen Wünschen eingerichtet wurde, reist er kurz vor Probenbeginn enttäuscht aus Berlin ab. Kleiber dirigiert im Februar im Vorfeld einer weiteren, in Wien angesetzten Großproduktion mit Film- und Plattenaufzeichnung von Beethovens 4. und 6. Symphonie, ein Abonnementkonzert. Bei den Proben im Dezember kommt es zum Eklat: Kleiber verlässt erzürnt die Probe und reist ab. Die Folge ist ein lange währender Bruch mit den Philharmonikern.     


1983     
Kleiber debütiert nach jahrelangen erfolglosen Bemühungen des Orchesters beim Koninklijk Concertgebouworkest in Amsterdam. Die Produktionsfirma Untitel schneidet fürs Fernsehen mit. Das später veröffentliche Video wird weltweit zum nachhaltigen Erfolg für Kleiber. Dennoch kommen weitere Konzerte in Amsterdam trotz großen Interesses des Orchesters nicht mehr zustande. Zweites Gastspiel in Chicago mit einem neuen Mozart-Brahms-Programm sowie ein Stück von George Butterworth. Kleiber dirigiert in München neben Haydn auf Anregung seiner Kinder seine einzige Aufführung von Beethovens 6. Symphonie, die viele Jahre später auf CD erscheinen wird.     


1984     
Im Dezember Premiere von La Traviata im Teatro Comunale in Florenz mit Franco Zeffirelli. Während Kleibers nun rarere Aufführungen in München gefeiert werden, gibt es an der Wiener Staatsoper Bestrebungen, ihn zurückzuholen.     


1985     

Staatsoperndirektor Egon Seefehlner gelingt es, Kleiber für La Bohème zu gewinnen. In der Auftaktprobe erstes Zusammentreffen mit den Philharmonikern seit 1982. Kleibers triumphaler Erfolg endet während der dritten Aufführung beinahe mit einem Eklat, als er droht abzubrechen. Erst als die Mikrophone für die ohne sein Wissen geplante zeitversetzte Rundfunkübertragung in der Pause entfernt werden, macht er weiter. Ein Probemitschnitt der zweiten Aufführung aber bleibt erhalten. Kleiber setzt seine Auftritte in München an Fastnacht fort, verkleidet als leichte Dame, in den kommenden beiden Jahren dann als Guru Bagwan und als Tennisstar Boris Becker. Aus für den Rosenkavalier in München. Nach Differenzen mit Lucia Popp bricht Kleiber die Proben ab und dirigiert die Oper nie wieder in München. Im Mai Wiederaufnahme von La Traviata in München mit Edita Gruberova und Neil Shicoff. Beginn des CD-Zeitalters: Kleiber überwacht in den Studios der Grammophon das Remastering seiner Aufnahmen. Der neue Generalsekretär der Salzburger Festspiele wirbt mit Unterstützung von Herbert von Karajan um Kleiber. Verhandlungen bezüglich Freischütz mit Ingmar Bergmann als Regisseur führen zu keinem Ergebnis.

 

Carlos Keiber 1985 in Wien

 

1986     
Schockiert erhält Seefehlner Kleibers Absage für vier fest vereinbarte Traviata-Vorstellungen in Wien. Sein Nachfolger Claus Helmut Drese versucht vergeblich, Kleiber für Produktionen in Wien zu verpflichten. Fernsehproduktion der Fledermaus in München. Anstelle einer ursprünglich mit der Wiener Staatsoper geplanten Japan-Tournee reist Kleiber mit dem Bayerischen Staatsorchester zu einem frenetisch gefeierten Konzertgastspiel nach Fernost. In den 80er-Jahren dirigiert er zahlreiche Konzerte mit dem Bayerischen Staatsorchester, 1987 auch in Pompeji, Madrid, Köln, Mailand und Rom.

 

Carlos Keiber 1986 in München

 


1987     
Sensationelle Erfolge mit Otello in London und Mailand. Nach einem Streit an der Scala mit dem Sänger Renato Bruson setzt Kleiber die Serie an dessen Stelle mit Pietro Cappuccilli fort und beschließt danach, nie wieder in Mailand zu dirigieren, und sagt zwei Konzerte in der Stadt ab.

 

Carlos Keiber 1986 in München



1988     
Spätes sensationelles Debüt Kleibers an der Metropolitan Opera in New York nach jahrzehntelangen vergeblichen Werbens des Hauses auch dank Pavarotti. Gerüchte von immensen, branchenunüblichen Gagen machen die Runde. Letzter Auftritt Kleibers an der Bayerischen Staatsoper an Fastnacht. Kleiber dirigiert Fledermaus, verkleidet als MAN-Handwerker. Späteren Bemühungen des Hauses um Kleiber bleibt jeder Erfolg versagt. Er entfremdet sich dem Repertoire-Theater. Japan-Tour mit der Mailänder Scala mit La Bohème. Ein Konzertauftritt in Wien besiegelt die endgültige Aussöhnung der Philharmoniker mit Kleiber.     


1989     
Kleiber dirigiert das Neujahrskonzert in Wien und wird als neuer Walzerkönig gefeiert. Das neue Label Sony Classical erhält den Zuschlag für die CD-Veröffentlichung. Dank der Initiative von Bundespräsident Richard von Weizsäcker steht Kleiber für ein Bundespräsidentenkonzert doch noch am Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters. Presse und Publikum feierten den späten sensationellen Debütanten überschwänglich. Die meisten Musiker wünschen sich vergeblich Kleiber als Nachfolger von Herbert von Karajan. Letztlich fällt die Entscheidung für Claudio Abbado, der Kleiber indessen nicht für Gastspiele gewinnen kann. La Traviata in New York: Nach einer Erkrankung von Edita Gruberova bricht Kleiber die Serie vorzeitig ab. Bei einem Besuch Kleibers bei Wladimir Horowitz erwägen die beiden eine Einspielung von Beethovens 3. Klavierkonzert. Der Tod des Pianisten vereitelt eine Zusammenarbeit.     


1990     
Kleiber wird auf Initiative Richard von Weizsäckers der traditionsreiche Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste mit gleichzeitiger Mitgliedschaft in dem elitären Orden verliehen. Kleibers letztes Gastspiel in London mit Otello. Anschließend dirigiert er fünf Aufführungen der Oper an der New Yorker Met. Pläne für eine CD-Produktion des Otello mit dem Bayerischen Staatsorchester zerschlagen sich. Mit einer Serie von Strauss` Rosenkavalier verabschiedet sich Kleiber von der Met.     


1991     
Ein Konzertgastspiel mit den Wiener Philharmonikern, das von der Unitel fürs Fernsehen aufgezeichnet und später auf Video veröffentlicht wurde, soll eine Jubiläums-Tournee der Philharmoniker mit Kleiber mit Stationen in Paris und Japan vorbereiten. Doch Kleiber, der im Dezember das Bundesheer- und Silvesterkonzert leitet, sagt später zum Entsetzen der Wiener wegen Krankheit ab.     


1992     
Kleiber springt für den verstorbenen Leonard Bernstein beim Neujahrskonzert ein. Im November dirigiert Kleiber die Philharmoniker in Wien bei der Präsentation des Buchs Demokratie der Könige. Er lehnt weitere Verpflichtungen für das Neujahrskonzert ab. Legendäres Zusammentreffen von Kleiber und Sergiu Celibidache, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, im Flugzeug von Tokyo nach München. Kleiber war immer mal wieder als Dirigent bei den Münchner Philharmonikern im Gespräch. Am Pult des Orchesters aber stand er auch nach dem Tod des Kollegen nie.     


1993     
Kleiber dirigiert in Wien Mozarts Symphonie Nr. 33 und Ein Heldenleben von Richard Strauss. Für die Öffentlichkeit völlig überraschend zieht Kleiber nach Auseinandersetzungen um das Heldenleben seine Freigabe für die bereits fertig produzierte CD zurück. Kleiber beschäftigt sich weiter intensiv mit dem Werk. In München übernimmt der mit Kleiber befreundete Sir Peter Jonas die Intendanz der Bayerischen Staatsoper. Doch auch ihm bleibt der Erfolg, Kleiber an die Oper zurückzuholen, versagt.     


1994     
Wiederum gelingt es Richard von Weizsäcker, Kleiber für sein Abschiedskonzert nach Berlin zu holen. Staatsoperdirektor Ioan Holender triumphiert, als er Kleiber für drei Aufführungen des Rosenkavaliers in Wien mit anschließender Japan-Tournee verpflichten kann. Nach der gefeierten Tour nimmt Kleiber endgültig Abschied von der Opernbühne. Er bekommt in Wien das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen, lässt sich jedoch nicht mehr bewegen, dort zu dirigieren. Kleiber denkt längst an einen endgültigen Rückzug.     


1995     
Kleiber lehnt alle Angebote ab. Auch ein Beinbruch verhindert mögliche Dirigate.

 

Carlos Keiber 1995


1996     
Ein Gastspiel Kleibers mit dem Bayerischen Staatsorchester in Ingoldstadt sorgt weltweit für Schlagzeilen. Im gleichen Jahr wird Kleibers frenetisch gefeiertes Konzert zum 70. Geburtstag des Medienmoguls Leo Kirch in München fürs private Fernsehen aufgezeichnet. Kleiber indessen wirkt körperlich geschwächt.     


1997     
Kleiber springt seinem Freund Riccardo Muti zuliebe mit dem Bayerischen Staatsorchester beim Ravenna Festival in Italien ein. In Ljubljana dirigiert er die Slowenische Philharmonie anlässlich des Europäischen Kulturmonats. Erste Vorzeichen einer ernsten Erkrankungen.     


1998/99     
Kleiber sagt eine Tournee mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu. Es folgen im Januar 1999 Konzerte in Las Palmas de Gran Canaria und Santa Cruz de Tenerife beim Festival de Música de Canarias sowie im Februar im spanischen Valencia und im italienischen Cagliari. Kleiber scheint willens, weitere Tourneen mit dem Orchester zu unternehmen. Die Ankündigung, Kleiber werde das Festspielhaus in Baden-Baden mit den Wiener Philharmonikern eröffnen, erweisen sich als haltlos. Im Dezember Urlaub in Japan. Sein japanische Freund Tadatsugu Sasaki versucht weiter vergeblich, Kleiber für Gastauftritte in Japan zu erwärmen.

 

Carlos Kleiber 1999 Canaren



2000     
Trotz weiterer Bemühungen beider Münchner Orchester und Interesse Kleibers an einem Gastspiel in Buenos Aires kommen keine weiteren Konzerte zustande. Kleiber zeigt Interesse, in Tristan und Isolde bei den Salzburger Festspielen einzuspringen. Doch die Verantwortlichen scheinen eine Verpflichtung Kleibers nicht ernsthaft zu erwägen. Auch Hoffnungen, ihn wenn nicht für Konzerte, so doch wieder für Aufnahme-Projekte mit den Berliner Philharmonikern zu begeistern, zerschlagen sich. Kleibers 70. Geburtstag sorgt für Schlagzeilen. Gerüchte, Kleiber dirigiere 2003/2004 Wagners Rienzi an der New Yorker Met, erweisen sich als haltlos.     


2001     
Aus Spanien kommt die Kunde von einer angeblichen Verpflichtung Kleibers für das Internationale Musikfestival in Santander mit dem Bayerischen Rundfunkorchester.     


2002     
Neue, aber schnell versiegende Gerüchte deuten Aufführungen von Verdis Falstaff unter Kleiber am Teatro Real in Madrid an. Zunehmend dringen von Kleiber nur noch Gerüchte nach außen. Beschäftigt mit privaten Studien, Korrespondenz und Reisen, schottet er sich vor der Öffentlichkeit ab. Kleiber macht seine Gesundheit zu schaffen. Erst als sich eine fortschreitende Krebserkrankung zuspitzt, lässt er sich behandeln. Während öffentlich nichts über seine Erkrankung bekannt ist, taucht im Internet eine kuriose Falschmeldung von Kleibers angeblichem Ableben auf.     


2003     
Der überraschende Tod seiner Frau Stanka bedeutet für Kleiber einen nachhaltigen Schock. Bemühungen von Freunden, ihn gerade deswegen zum Arbeiten zu bewegen, bleiben trotz attraktiver Angebote fruchtlos. Kleiber, mittlerweile Großvater, zieht sich fast gänzlich ins familiäre Umfeld und das engster Freunde zurück, korrespondiert aber weiter und fährt regelmäßig nach Salzburg.     


2004     
Kleiber wehrt sich gegenüber Bekannten und Freunden heftig gegen Pressemeldungen, er wolle bei den Salzburger Festspielen den Rosenkavalier übernehmen. Dirigate kommen für ihn nicht mehr in Frage, wenngleich sein Gesundheitszustand diese noch erlauben würden. Am 11. Juli macht sich Kleiber mit seinem Auto auf nach Slowenien und wird wenig später tot in seinem Ferienhaus in Konjsica aufgefunden. Seine Beisetzung im Grab neben seiner Frau Stanka auf dem Dorffriedhof findet im engsten Familienkreis statt. Erst am 19. Juli wird bekannt, dass Kleiber bereits am 13. Juli gestorben ist. Die Musikwelt reagiert erschüttert und weltweit erscheint eine Flut von Nachrufen, zahlreiche Weggefährten melden sich öffentlich zu Wort.


Carlos Keiber - Grab in Konjsica

 

Während meiner Recherche zu meiner Kleiber-Biografie führte ich zahllose Gespräche. Mit einigen Künstlern sprach ich daneben auch über ihre Karriere und veröffentlichte diese Interviews in Standpunkte. Im Folgenden können Sie eine Auswahl dieser Interviews lesen in der ursprünglich veröffentlichten Form und zum Teil nebst der nun ergänzten Passagen zu Carlos Kleiber.

 

Carlos Kleiber - die Legende am Dirigentenpult

Tragik und Triumph des Einzigartigen

Text in Japanese

Die Musikwelt lag ihm zu Füßen, feierte ihn als Genie ­ und doch gab Carlos Kleiber allen Rätsel auf. Die großen Häuser der Welt, die Orchester und das Publikum rissen sich um den charismatischen, als schwierig verschrienen Pultstar, dem eine schillernde Karriere und der Ruhm, der ihn schon zu Lebzeiten zur Legende machte, so wenig bedeuteten.

Doch hinter vermeintlicher Exzentrik verbarg sich ein zutiefst ehrliches und aufopferndes Bemühen um die Musik. Allein ihr fühlte sich dieser begnadete Dirigent verpflichtet, den Komponisten und ihren Partituren, die ihm heilig waren im nahezu besessenen Streben nach Perfektion und dem idealen Klang, der ihm im Inneren vorschwebte.

Kompromisslos wandelte Carlos Kleiber auf den Spuren seines Vaters, des großen Erich Kleiber, der ihm Vorbild und Maßstab zugleich wurde. Unbeirrt trotzte er, oft fast verzweifelnd, der gängigen Routine, dirigierte nur, wenn ihm Opernhäuser und Orchester zumindest annährend die Arbeitsbedingungen gewährten, die er verlangte. Im Ringen um die Musik entfachte Carlos Kleiber Leidenschaften, schuf neue Klangwelten in einmaligen Sternstunden und wenngleich wenige, doch stets zeitlos gültige Einspielungen. Doch der so heiß umworbene und verehrte Star machte sich zunehmend rar, scheute die Öffentlichkeit und beschränkte sich auf ein kleines Repertoire.

Dass er schon früh den Plattenstudios frustriert den Rücken kehrte, bleibt nach dem Tod des 74-Jährigen im Jahr 2004 eine der schmerzlichsten Merkmale einer kuriosen Karriere, in der sich Triumph und Tragik berührten. Ein Künstler wie Carlos Kleiber wird dennoch kaum jemals in Vergessenheit geraten. Sein ideelles und klingendes Vermächtnis wird bleiben und so darf man hoffen auch kommende Generationen von Dirigenten inspirieren.

Alexander Werner

 

Autor von "Carlos Kleiber. Ein Biografie", Schott Music, Mainz

Lebenslauf Carlos Kleiber - Leben und Karriere - Kurzvita - Aufführungen

 

Carmen 1968, Carlos Kleiber Carlos Kleiber. Eine Biografie

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Mit Carlos Kleiber beschäftige ich mich natürlich auch nach der Buchveröffentlichung weiter. Insofern bin ich auch immer interessiert an neuen Informationen über Carlos Kleiber, Materialien, Zeitzeugen, Erinnerungen ebenso wie unbekannten Mitschnitten aus allen Karrierephasen von Opernaufführungen oder Konzerten. Ebenso Interesse besteht an mir nicht bekannten Medienbeiträgen zum Buch, auch etwa private Aufzeichnungen der Rundfunkbeiträge bei Radio Bremen und Nordwestradio, die nicht archiviert wurden. Bin dankbar für entsprechende Rückmeldungen.

Please write me if you like to help me in my futher research with unknow material about Carlos Kleiber also maybe such in case of my book.

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