Carlos Kleiber Homepage - Alexander Werner

Sena Jurinac
Nicht machen, sondern leben und erleben
Alexander Werner im Gespräch mit der Sopranistin über ihr Leben und ihre Karriere
Interview vom 22. Juli 2004, Neusäß
aus Standpunkte Ausgabe Oktober 2004
Mit der Sopranlegende sprach Alexander Werner
auch über Carlos Kleiber:
Frau Jurinac, 1951 haben Sie im Theater an der Wien unter Erich Kleiber im Rosenkavalier gesungen und dann auch als Octavian in seiner berühmten Wiener Einspielung für Decca aus dem Jahr 1954 mitgewirkt. Kannten Sie damals auch schon seinen Sohn Carlos?
Ja, der Rosenkavalier, der noch immer gerühmt wird. Erich Kleiber war 1951 gerade aus dem südamerikanischen Exil zurück nach Europa gekommen. Ich lernte ihn damals kennen, seinen Sohn Carlos aber erst Jahre später in Stuttgart.
Was hatten Sie für einen Eindruck von der Persönlichkeit des alten Kleiber, er galt ja nicht alleine als sehr fordernd, sondern auch als ein wenig diktatorisch?
Ich erinnere mich an intensive Proben. Der Vater war höchst penibel, auf Kleinigkeiten und Feinheiten eingestellt. Er wollte alles ganz genau. Jedes Viertel, jedes Achtel und jedes Sechzehntel musste so sein, wie er sagte. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er nicht einmal beim Dirigieren ganz gelöst und frei war. Er erschien mir nicht übermäßig streng, jedenfalls hat er sich uns gegenüber uns Sängern nie ungut verhalten. Kleiber war unverbindlich und freundlich. Was für ein Mensch er privat war, weiß ich nicht.
Und auf seinen Sohn trafen Sie dann erstmals in Stuttgart?
Ja. Ich sang dort nur als Gast in Rosenkavalier, Otello oder Madame Butterfly. Der Intendant Walter Erich Schäfer wollte mich immer haben. Und so lernte ich auch Carlos Kleiber kennen.
Er brannte ja richtig darauf mit ihnen zu arbeiten, Sie waren eine große Sängerin und hatten zudem unter dem von ihm so verehrten Vater gesungen. Und nun bei seinem ersten Gastdirigat an der Württembergischen Staatsoper im Januar 1965 Octavian im Rosenkavalier, später auch die Marschallin, zudem in Madame Butterfly und in Otello.
Ja, er war immer sehr nett zu mir. Es gab eine Zeit, da holte er mich jedesmal am Bahnhof ab, wenn ich von Augsburg anreiste. Dass wir befreundet gewesen wären, könnte ich jedoch nicht unbedingt sagen. Ich hielt mich nie lange in Stuttgart auf und fuhr nach der Vorstellung meistens gleich zurück.
Können Sie sich an die Probenarbeit mit ihm erinnern, an einer Neuinszenierung unter Kleiber waren Sie ja leider nicht beteiligt?
Nein, vielleicht kann ich mich offen gesagt deswegen seltsamerweise überhaupt nicht an die Proben erinnern, die sicherlich gerade bei ihm üblich waren. Probleme hatte ich jedenfalls mit ihm keine.
Wie wirkte er auf Sie?
Ich hatte immer das Gefühl, die Nerven liegen bei ihm blank, nicht unter der Haut im Körper, sondern obenauf. So wie manche Blumen, die man nur anschauen muss, damit sie reagieren. Es ist eine Veranlagung, die man hat. Vielleicht hatte er verschiedene Antennen. Einmal soll er sich in einer Aufführung in Stuttgart so verausgabt haben, dass er sich erbrochen hat.
Kleiber machte es der Staatsoper nicht leicht mit seinem für andere undurchschaubarem Wesen und seinen damals sehr ungewöhnlichen künstlerischen Forderungen. Haben Sie Konflikte wahrgenommen?
Ich möchte nur eines sagen: Er bekam von Dr. Schäfer eine ganz große Unterstützung. Der schützte und hielt ihn in allen Umständen, ist soweit ich weiß immer für ihn eingestanden, egal was vorfiel. Sie kennen vielleicht die Geschichte beim Gastspiel in Edinburgh 1966, als Kleiber kurzfristig Wozzeck absagte. Schäfer hielt zu ihm und half ihm. Später benahm sich Carlos leider nicht sehr gut, als er sich 1971 bei der Feier zum 70. Geburtstag von Schäfer in meiner und der Gegenwart meines Mannes nicht sehr gut über ihn äußerte. Es gibt ja viele Geschichten über Kleiber. Wie er später in Wien einmal die Philharmoniker bei der Probe verließ und nach München abreiste oder sich von Bayreuth im Rettungswagen nach München fahren ließ, weil er dort eine Vorstellung hatte und dass nur könne, wenn er liegend hinkomme. Herbert von Karajan etwa war auch ein hochempfindlicher Herr, auch ein sehr sensibler Mensch, aber doch nicht so nicht so ausgeprägt wie Kleiber zwei sehr grundverschiedene Menschen. Carlos war schon ein außergewöhnlicher Typ. Trotz allem: Seine Aufführungen waren unglaublich, seine Traviata oder die Fledermaus in München mein Gott. Und es gibt keine bessere Freischütz-Ouvertüre als von ihm.
Haben Sie mit ihm über seinen Vater gesprochen?
Nein, nie.
Seine Mutter Ruth kannten Sie?
Ja, aber auch sie erwähnte er mir gegenüber nie. Sie war eine feine Dame. Zuletzt sah ich sie in Wien 1967, wo Carlos ein Konzert mit den Wiener Symphonikern leitete. Seine Mutter saß in einer Orchesterprobe, in der Carlos einen Bläser fürchterlich triezte, weil der es nicht so hinbrachte, wie er das wollte. Seine Mutter war ein bisschen aufgeregt darüber, dass er so streng war und fuhr nach dem Konzert nach Salzburg zurück. Kurz danach war sie nicht mehr. Ihr Tod kam plötzlich und für mich völlig unerwartet.
1974 sangen Sie nach den Stuttgarter Aufführungen noch einmal Rosenkavalier unter Kleiber an der Wiener Staatsoper, wobei nur eine seiner zwei Übernahmen.
Mir schien, er hatte dann ein gestörtes Verhältnis zu mir. Ich weiß nicht warum. In Wien wollte er mich später nicht wieder haben. Ich weiß nicht, vielleicht war ich ihm schon zu alt oder nicht gut genug, kann alles sein. In Stuttgart war er so lieb und später in Wien sagte er mir, ich sei eine Hexe (schmunzelt).
Hatte Sie nach Stuttgart noch Kontakt mit ihm?
Nein. Danach haben wir uns eigentlich verloren, bis auf ein Mal, als er uns besuchte und meinen Mann um einen medizinischen Rat wegen seines Jungen bat. Er besuchte uns mit seiner Frau Stanka und seinem Sohn. Sie machte auf uns einen sehr guten Eindruck, eine ganz einfache, nette Frau. Sie war ganz bescheiden und schlicht, wirkte auf mich wie das absolute Gegenteil von ihm. Später wusste ich überhaupt nicht mehr, was mit ihm ist, nur, dass er sehr zurückgezogen lebt und nicht mehr dirigieren will.
Sammlerstück

Dummy Beethoven 5
In der Produktionsphase von Beethovens 5. Symphonie schickte die Deutsche Grammophon Carlos Kleiber das Dummy der LP.
Kleiber war enttäuscht, dass noch kein eigenes Cover für ihn entworfen worden war.

Die Dummy-LP steckte in der Hülle einer Karl-Böhm-Aufnahme
und lediglich auf dem Gelbetikett klebte eine transparente Folie mit seinem Namenszug, Werk- und Orchesterangabe.
Autograph

Aufnahme Wien 67
Während der Vorbereitungsphase zur Stuttgarter Produktion von "Elektra" 1971 lieh sich Carlos Kleiber von einem Bekannten ein unbeschriftetes Band mit der Salzburger Aufnahme des Stücks unter Herbert von Karajan aus.
Bevor er es zurückgab, kopierte Kleiber den Rundfunkmitschnitt seines Konzerts bei den Wiener Festwochen 1967 mit den Wiener Sinfonikern dazu und notierte in den Karton des Bandes die Angaben zum Inhalt.
Autogramm
Spätes Autogramm
Schnappschuss in München: Drei Abzüge dieses Fotos eines Musikliebhabers vom 23. Juli 1984 signierte Carlos Kleiber nur drei Tage vor seinem Tod im Juli 2004.
Live pur:
Carlos Kleiber im Orchestergraben - Bayreuth 1976
Szenenfoto (Film) aus dem ersten Akt von "Tristan und Isolde"
Mittlerweile sind Auschnitte der Aufzeichung auf Youtube zu sehen
Carlos Kleiber vor der Kamera
Eine Betrachtung des filmischen Vermächtnisses des Dirigenten in drei Teilen
In Japanese these articles are combined with another one about Erich and Carlos Kleiber
Have a look at japanese text site (open link)
Von Offenbach bis Bratislava (1)
Gebannt verfolgten am 14. Juli 1963 zahlreiche Musikfreunde im jungen Zweiten Deutschen Fernsehen eine Übertragung aus der Deutschen Oper am Rhein. 3 x Offenbach stand auf dem Programm, drei Einakter Jacques Offenbachs, von Regisseur Renato Mordo zu einem Triptychon zusammengefasst. Dirigent der Aufführung war Carlos Kleiber, der mit diesen drei kurzen Operetten Die kleine Zauberflöte, Die Verlobung bei der Laterne und Die Insel Tulipatan im Juni 1962 den ersten Premierenerfolg seiner Karriere gefeiert hatte. Was am Abend des 1. Dezember 1962 vom ZDF in Düsseldorf aufgezeichnet worden war, hätte zu einem der wertvollsten Filmdokumente des genialen Maestros werden können hätte. Denn Anfang der 80er-Jahre, gab der verantwortliche Ressortleiter den Auftrag, den im Archiv schlummernden Mitschnitt zu löschen. So bleibt das früheste filmische Zeugnis eines der größten Dirigenten aller Zeiten, abgesehen von einem passablen privaten Tonmitschnitt, wohl für immer verloren.
Dass Carlos Kleiber zu diesem Zeitpunkt längst zu Weltruhm gelangt war, macht diese aberwitzig anmutende Entscheidung umso unverständlicher. Tragisch auch, dass Kleiber, der nach 1981 nie mehr eine Platte im Studio produzierte, Kameras scheute. Zum Glück ließ er sich überreden, 1970 in der Fernsehreihe des Südfunks Bei der Arbeit beobachtet mitzuwirken. Die Mitschnitte von Proben zur Freischütz- und Fledermaus-Ouvertüre mit anschließender Aufführung der Werke verdeutlichen auf einmalige Weise, wie er es verstand, selbst ein in Routine erstarrtes Orchester zu Höchstleistungen zu inspirieren. Weitere Angebote des Fernsehens lehnte er ab, etwa eine Produktion von Tristan und Isolde. Nur in einer ZDF-Dokumentation aus dem Jahr 1971 über Walter Erich Schäfer, dem Intendanten der Württembergischen Staatsoper, hat man noch das wenngleich kurze Vergnügen, ihn zu sehen, über den Bühnenmonitor beim Dirigat des Rosenkavalier und im Gespräch mit Schäfer. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Kleiber für Interviews oder gar Talkshows zeitlebens nicht zu gewinnen war.
Mehr Filmmaterial über Carlos Kleiber aus den frühen Jahren seiner Dirigentenkarriere dürfte schwer zu finden sein. Möglich aber, dass sich die eine oder andere Momentaufnahme noch in einem Archiv verbirgt. Beispielsweise habe ich erst kürzlich erfahren, dass der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Klassik- sendung Kleiber offenbar einmal kurz in der Freischütz-Ouvertüre zeigte, aufgenommen 1973 im Umfeld seiner Plattenproduktion der Oper Carl Maria von Webers in Dresden.
Betrachtet man Carlos Kleibers Vermächtnis im Film, drängt sich auf, von einer Phase vor und einer nach 1974 zu sprechen. Denn damals begann im Vorfeld eines festen Vertrags seine Zusammenarbeit mit Leo Kirchs Medienunternehmen Unitel. Erste Früchte trug diese bei seinem Debütkonzert mit den Wiener Philharmonikern in Bratislava am 19. Oktober 1974.
Mehr darüber in meinem zweiten Kapital zu Kleiber vor der Kamera.
Die Früchte der Zusammenarbeit mit Unitel (2)
1974 war ein bedeutendes Jahr in der Karriere von Carlos Kleiber. Er debütierte nicht nur in Bayreuth mit Tristan und Isolde und in Covent Garden mit dem Rosenkavalier, sondern dirigierte auch erstmals Konzerte der Wiener Philharmoniker in Göteborg und Bratislava. Dass das tschechoslowakische Fernsehen letzteres am 19. Oktober 1974 aufzeichnete, war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Weil der Saal in Bratislava aber nur über sechshundert Plätze verfügte, kam aus Prag der Wunsch, dieses herausragende Ereignis in der ganzen Tschechoslowakei zu übertragen. Die deutsche Firma Unitel des Medienunternehmers Leo Kirch besaß die Exklusivrechte. Nach der Direktübertragung in Schwarz-Weiß sollte das Band gelöscht werden (glücklicherweise überlebte ein Teil des Konzerts in den Archiven: Schuberts dritte Sinfonie und Webers Ouvertüre zu Der Freischütz). Dass das Konzert überhaupt ohne Kleibers ausdrückliche Zustimmung über den Sender ging, war dem diplomatischen Geschick des damaligen Geschäftsführers des Orchesters Paul Walter Fürst zu verdanken. So begann damals eher zufällig die Zusammenarbeit Carlos Kleibers mit Unitel, die wenig später mit einem festen Vertrag besiegelt wurde.
Bis zur ersten offiziellen Unitel-Produktion sollten indessen noch einige Jahre vergehen. 1979 war es dann endlich soweit. In München wurde eine Aufführung der legendären Otto-Schenk-Inszenierung des Rosenkavaliers mitgeschnitten, gefolgt von Kleibers Konzert mit dem Koninklijk Concertgebouworkest in Amsterdam 1983, der Fledermaus aus München 1986, Carmen aus der Wiener Staatsoper 1984, zwei Konzerte mit den Wiener Philharmonikern 1991 und 1993, die beiden Neujahrkonzerte in Wien 1989 und 1992, der Wiener Rosenkavalier von 1994 und schließlich Leo Kirchs Geburtstagskonzert mit dem Bayerischen Staatsorchester in München 1996. Abgesehen vom Wiener Konzert 1993, als Kleiber erstmals Ein Heldenleben dirigierte, wurden diese Aufnahmen auch auf DVD veröffentlicht.
Wie so oft bei Kleiber spielten persönliche Bindungen eine entscheidende Rolle, um ihn für derartige Projekte zu erwärmen. Unitel-Produzent Horant H. Hohlfeld wurde zu dem Mann seines Vertrauens und später sein Freund. Über viele Jahre betreute und begleitete er den Maestro erfolgreich. Doch auch er musste bittere Rückschläge hinnehmen. 1982 ließ Kleiber gleich zwei ambitionierte und teure Fernsehproduktionen platzen. Im Frühjahr fieberte Berlin einer Sensation entgegen, dem langersehnten Debüt Kleibers mit den Philharmonikern in seiner Geburtsstadt. Doch nach einem heftigen Streit um das Notenmaterial verließ Kleiber kurz vor dem Beginn der Proben wütend die Stadt. Die Konzertreihe, Plattenaufnahmen und der Film fielen ins Wasser. Ebenso erging es den Wienern am Ende des Jahres: Im Vorfeld mehrerer Konzerte mit Platten- und Filmaufnahmen zerstritt sich Kleiber während einer Probe mit den Wiener Philharmonikern und Lorin Maazel musste für ihn einspringen.
Kleibers filmisches Vermächtnis aus den späteren Phasen seiner Karriere erschöpft sich damit jedoch nicht. Opernaufführungen und Konzerte wurden etwa auch in Italien, Japan, Slowenien und Mexiko gesendet. Mehr dazu im dritten Teil.
Rares aus Mexiko und aus Proben (3)
Carlos Kleiber und die Wiener Philharmoniker: mehr ein Verhältnis als eine Liebe, eines mit künstlerischen Höhepunkten über 20 Jahre, aber auch eines mit Konflikten und Zerwürfnissen. Kaum jemals erlebte Kleiber glücklichere Tage mit dem Orchester als auf der legendären Mexiko-Tour des Jahres 1981. Die ausgelassene Stimmung von Dirigent und Musikern spiegelte sich in den Konzerten wider. Nie zuvor und nie wieder danach hatten die so kultivierten Wiener unter seinen Händen derart entfesselt aufgespielt. Selbst intime Kenner jener Zusammenarbeit staunten über die Tempi und die Expressivität, wenn sie die Aufnahme des zweiten Konzerts in Guanajuato vom 27. April in die Hände bekamen.
Das mexikanische Fernsehen hatte das Konzert teilweise ohne Wissen der Beteiligten zeitversetzt ausgestrahlt. 2004 kam diese Aufnahme in den USA inoffiziell und in eher bescheidener Bildqualität auf DVD in Umlauf. Sie ist mit Beethovens fünfter Sinfonie, der "Coriolan"-Ouvertüre sowie den Zugaben "Unter Donner und Blitz" und der "Fledermaus"-Ouvertüre von Strauß ein außerordentliches Dokument eines Dirigats von Carlos Kleiber.
Noch ein weiterer recht spektakulärer Auftritt Kleibers wurde ohne offiziellen Segen gesendet: das Abschlusskonzert des Festival delle Panatenee Pompeiane im italienischen Pompeji mit dem Bayerischen Staatsorchester im Jahr 1987. Orchestervorstand Kurt Meister hatte Kleiber zu diesem Konzert mit Brahms' "Zweiter", Mozarts "Linzer" Sinfonie C-Dur KV 425 und Zugaben von Johann Strauß überredet. Dass das Konzert entgegen der Absprachen und ohne ihr Wissen in ganz Italien von der RAI übertragen wurde, verärgerte beide. Doch so wurde es in Bild und Ton konserviert und kursiert bislang unveröffentlicht in Sammlerkreisen.
Längst, wenngleich nur in unautorisierten Ausgaben, sind DVDs der offiziellen Fernsehübertragungen von Kleibers "Otello"- und "La Bohème"-Aufführungen an der Mailänder Scala 1976 und 1979 (RAI) sowie von seinem Japan-Gastspiel mit dem Orchester der Mailänder Scala 1981 (NHK Tokio) erhältlich. Stars wie Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und Mirella Freni wirkten in diesen Produktionen mit. Ansonsten existiert noch ein kurzer Clip mit Szenen aus der Wiener "La Bohème" des Jahres 1985, veröffentlicht auf der Sony/BMG-DVD "Marcel Prawy Lieblingsopern und Opernlieblinge".
Welche Begeisterung Kleiber in Japan auslöste, davon zeugt auch das letzte Konzert der Japan-Tournee mit dem Bayerischen Staatsorchester am 19. Mai 1986, das vom japanischen Fernsehen gesendet wurde. Die Aufnahmen von Beethovens vierter und siebter Symphonie nebst der "Fledermaus"-Ouvertüre wurden als Bootleg auf CD, allerdings noch nicht auf DVD veröffentlicht.
Außerhalb des Konzertsaals war Kleiber auch nach seinem internationalen Aufstieg selten zu beobachten. Reizvoll ist der Vergleich zweier ORF-Ausschnitte von Kleibers kurzen Dirigaten bei den Wiener Philharmonikerbällen 1980 und 1994. Darüber hinaus lagern im Archiv des ORF auch Probenmitschnitte der Neujahrskonzerte 1989 und 1992 sowie ein Bericht über die Verleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst an Kleiber am 19. Januar 1994 in Wien. Kürzere Probenausschnitte sind auch überliefert: beispielsweise von der Wiener "Carmen"-Produktion 1978 und Kleibers Chicago-Gastspiel 1983.
Der letzte offizielle Mitschnitt eines Konzerts stammt aus Ljubljana, wo Kleiber am 6. Juni 1987 seiner Frau Stanka zuliebe im Conkarjev Dom die Slowenische Philharmonie beim Europäischen Kulturmonat dirigierte. Auf dem Programm stand, wie schon andernorts zuvor, Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre, Mozarts Sinfonie B-Dur KV 319 und Brahms vierte Sinfonie. Selbst wenn die Spielkultur des Orchesters nicht an die der Wiener heranreichte, bestechen die Intensität und das Feuer, welches Kleiber mit diesem Klangkörper entfachte.
Trotz scharfer Kontrollen und Beschränkungen beim Zugang zu Proben gelang es Fans in Kleibers späteren Jahren, auch dort heimlich Videokameras einzuschmuggeln etwa in New York an der Metropolitan Opera 1989 und 1990 oder auf Gran Canaria 1999. Ein Band von der Einstudierung des Wiener "Rosenkavaliers" aus dem Jahr 1994 wurde bereits als Bootleg auf DVD veröffentlicht. Einen sehr intimen Einblick in Kleibers Dirigierstil ermöglichen unlängst über YouTube zugänglich gemachte Aufnahmen aus Bayreuth 1976. Dieser über die Dirigentenkamera im Orchestergraben aufgezeichnete "Tristan" zeigt, wie verinnerlicht, ja enthemmt Kleiber dirigierte, wenn er sich unbeobachtet fühlte.
Es ist anzunehmen, dass in den kommenden Jahren noch das eine oder andere Dokument auftauchen wird.
Stand November 2009. Seither sind keine neuen Aufnahmen erschienen, abgesehen von der TV-Dokumentation "Carlos Kleiber. Spuren uns Nichts", die auf bekanntes Fimmaterial zurückgreift, erstmal aber außerhalb von Youtube Ausschnitte aus Kleibers Bayreuther Aufführung von Tristan und Isolde aus dem Jahr 1976 präsentiert.
Unbekannte und unveröffentlichte Aufnahmen von Carlos Kleiber
Das Vermächtnis von Carlos Kleiber
Schmerzlich, wie klein das diskografische Vermächtnis von Carlos Kleiber ist, dieses begnadeten Ausnahmedirigenten, der immer daran zweifelte, seine musikalischen Ideale und Ansprüche im Konzertsaal, im Opernhaus oder gar im Studio verwirklichen zu können.
Anfang der 70er-Jahre, der Zeit seines aufblühenden Weltruhms, schien er zwar kritisch, aber doch willens zu sein, sein Konzert- und Opernrepertoire kontinuierlich auf Platte zu verewigen. Seine gerühmten Einspielungen des "Freischütz", von "La Traviata", "Tristan und Isolde", der "Fledermaus" und einiger Orchesterwerke von Beethoven, Schubert, Brahms und Dvoák haben Schallplattengeschichte geschrieben. Ein Jammer, dass Kleiber bereits nach zehn Jahren seine kurze Studiokarriere frustriert von den für ihn mehr und mehr unerträglichen künstlerischen Bedingungen der Branche beendete.
Ein Glück aber, dass er sich immerhin noch für einige auf Video, später auf DVD veröffentlichte Live-Produktionen mit teils neuem Repertoire gewinnen ließ. "Live", dieses Wort nährt Hoffnungen auf das, was noch ans Licht kommen könnte. Nach Live-Aufnahmen von Beethovens sechster und siebter Sinfonie aus München, Borodins zweiter Sinfonie, "Carmen" aus Wien auf DVD, teils von Kleiber noch vor seinem Tod 2004 autorisiert, lässt nun ein "Rosenkavalier" vom Münchner Festspielsommer 1973 die Herzen vieler Musikfreunde höher schlagen. Auch die Premiere der Neuinszenierung in der Regie Otto Schenks vom April 1972 ist komplett erhalten, wenngleich sie bislang nur in einem 20-minütigen Ausschnitt auf CD veröffentlicht worden ist. Dass bereits eine Münchner Folge-Aufführung von 1979 nebst einer ein wenig im Temperament zurückgenommenen Vorstellung aus der Wiener Staatsoper 1994 auf DVD veröffentlicht wurden, schmälert den Reiz und die Bedeutung dieser Dokumente nicht. Die hinreißende musikalische Sternstunde des Jahres 1973, klanglich gegenüber früheren nicht-autorisierten Ausgaben nun ungetrübter genießbar, macht Lust auf mehr.
Einiges schlummert noch in Archiven: Schumanns Klavierkonzert vom Prager Frühling 1968, Carl Philipp Emanuel Bachs Cellokonzert B-Dur oder eine "Fledermaus" in Französisch aus Genf 1966. Drei Mitschnitte von "Tristan und Isolde" aus Bayreuth, "Wozzeck" aus München 1970, der Scala-"Otello" von 1976, "La Boheme" aus Mailand 1979 oder die von Kleiber kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogene Aufnahme von Strauss'"Heldenleben" kamen nie offiziell auf den Markt. Und wer weiß, was für ungehobene Schätze sich in Kleibers Privatarchiv verbergen könnten. Denn an der Deutschen Oper am Rhein in den frühen 60er-Jahren ließ Kleiber Aufführungen mitschneiden, darunter einen "Rigoletto" aus Duisburg. Auch ein Band der Stuttgarter "Wozzeck"-Premiere 1966 hielt Kleiber in Händen. Wehmütig denkt man daran, was Kleiber nicht tat. Doch mit dem, was er schuf, gebiert er weiter musikalische Erfüllung und Spannung.
Alexander Werner

